Einmal Hölle und zurück –
Erlebnisbericht vom Todesrennen und ein wichtiger Startschuss für mich
Nico Welp
Wo fang ich an. Mit „lang ists her“ oder „es war einmal“? Schön wäre es, denn dann könnte man das Gefühl haben, dass dieses Erlebnis verjährt ist, dass solche Barbareien der Vergangenheit angehören und ein dunkler Teil gesellschaftlicher Geschichte sind. Das entspräche nur leider nicht ganz der Wahrheit. Anfang der Neunziger war ich dort und auch heute noch findet das Steeplechase- Rennen statt – wenn auch in etwas abgeschwächter Form. Auch heute noch sehen sich Massen an „Fans“ ein grausamens Spektakel an, bei dem Pferde in den Tod gehetzt werden. Ich kann also so beginnen: „Lang ists her, aber irgendwie immer noch aktuell. Leider…“
„Als der Herr im dunklen Anzug die Flagge zum Start senkt, haben drei der 15 Pferde nur noch wenige Minuten zu leben. Sieben weitere sind nach dem Rennen schlachthausreif. Nur fünf Pferde stolpern nach einer mörderischen Tortur ins Ziel, wobei das letzte nicht mehr zur Siegerehrung erscheint. Die Veranstalter des Pardubicer „Steeplechase“ 1992 sind zufrieden. Schließlich gab es schon Rennen wie 1909, als kein Pferd das erlösende Ziel erreichte.“ (Focus 1993)
Eines der brutalsten Pferderennen der Welt fand & findet jedes Jahr im europäischen Pardubice statt. Fast sieben Kilometer lang, damals bestückt mit 31 Hindernissen, ging es über Sand, Gras und tiefen Ackerboden. Über 30 000 Zuschauer verfolgten jährlich voller Sensationsgier das Pardubicer Todes-Rennen.
Mein Besuch in der Hölle
Anfang der Neunziger kamen also wie jedes Jahr Busladungen voller „Steeplechase“-Touristen, und Zocker nach Pardubice. Unter ihnen auch eine Gruppe von Tierschützern aus Deutschland und Österreich. Eine explosive Mischung, wie alle Beteiligten später feststellen mussten. Auch ich – da ich mich eher unvorbereitet in eine Welt katapultierte, die mir bisher noch nicht bekannt gewesen war.Ich war jung, noch nicht einmal volljährig. Und ich muss heute zugeben: ich war ZU jung! Ich hätte dort gar nicht sein dürfen. Dieses Erlebnis war allerdings der Grundstein meines heutigen Engagements und sollte wohl erlebt werden.
Das „Velka Pardubicka Steeplechase“ ist der Höhepunkt der Zocker-Saison: Ein echter Adrenalinstoß für Wettjunkies und begeisterte Zuschauer, die dabei ein paar tote Pferde wie auch schwer verletzte Jockeys gerne in Kauf nehmen.
Wer kennt die Geschichten nicht, die Arenen der römischen Hochkultur, wo Strafgefangene, Sklaven und geschundene Wildtiere gegeneinander antreten mussten….wissentlich, dass sie gefälligst zu bluten und zu sterben hatten. Oder Menschen, die im Mittelalter unter tosendem Applaus gehängt wurden. Dazu ein kleiner Umtrunk und ein paar Gaukler - und schon war die Kirmesstimmung perfekt. Ich kam mir um Jahrhunderte zurückversetzt vor, befand mich inmitten eines Albtraumes – etwas unwirklich aber real. Das Aufleben barbarischer Grausamkeiten – mitten im Europa der neunziger Jahre. Ich hätte das damals nicht im Ansatz geglaubt – wenn ich nicht plötzlich mittendrin gestanden hätte.
„Einmal hatten wir sieben Pferde an einem Renntag“, erzählt der Schlachter lächelnd einem Reporterteam des Focus. Mit seinem Bolzenschußgerät im Kofferraum fuhr er während des Rennens von Sprung zu Sprung, um die verletzten Tiere zu erlösen.
Als also wir Tierschützer das Rennen störten, indem wir die Rennbahn besetzten um den Start zu unterbinden und öffentlich auf die Zustände aufmerksam zu machen, wurden wir von Polizisten und Wachleuten zusammengeprügelt. Unter dem Gejohle der Zuschauer warf man uns Demonstranten in bereitstehende Gefangenentransporter. Man war gut vorbereitet auf Störenfriede. Allein von einer Tierschutzgruppe aus Österreich (Vier Pfoten) mußten neun Mitglieder ins Krankenhaus gebracht werden. In den tschechischen Zeitungen wurde am nächsten Tag dann nicht etwa das Vorgehen der Wachmannschaften oder das Rennen selbst kritisiert – sondern die Tierschützer als „Anarchisten und Terroristen“ beschimpft. Ich selbst hatte ein paar blaue Flecken, ein paar Prellungen und einen angeschlagenen Zahn, der mir in Deutschland dann entfernt werden musste. Man könnte also sagen: ich kam damit ganz glimpflich davon.
Als viel schlimmer empfand ich meine seelische Verfassung in den Tagen danach. Ich hatte zu keinem Zeitpunkt Angst gehabt, nicht eine Sekunde lang. Warscheinlich, weil dafür die Zeit fehlte und die Wut viel größer war als es Angst je hätte sein können. Es war schlicht ein ohnmächtiges Gefühl der Hilflosigkeit, ein unglaublicher Knoten an Wut und letztendlich eine übermächtig tiefe Fassungslosigkeit hinsichtlich der Bilder & Geräusche die sich in meinen Kopf gebrannt hatten. Wo packt man die hin?
Selbst die Pressebegleitung am Tatort war erschüttert
Beim Training im August des gleichen Jahres starben in Pardubice zwei Pferde. Und das, obwohl das schwerste Hindernis, der berüchtigte Taxisgraben, noch nicht in die Strecke integriert war. Dieser Sprung Nummer vier galt als unfairstes Hindernis aller Zeiten und als umstrittenes Wahrzeichen des „Steeplechase“. Die Pferde können dabei nicht sehen wohin sie springen. Focus kommentierte das Geschehen am Taxisgraben wie folgt:
„Erst in der Luft, wenn sie sich schon über der 1,50 Meter hohen und 2,50 Meter breiten Hecke befinden, tut sich unter ihnen ein drei Meter breiter, mannshoher Graben auf. Wenn das Tempo nicht ausreicht, knallen sie mit voller Wucht auf die Grabenschräge. Wenn dann die Beine noch nicht gebrochen sind, dampft eine weitere Lebensgefahr heran: der Pulk folgender Pferde. Die springen ihren Leidensgenossen häufig auf den Körper und stürzen dann selbst. Für Trainingszwecke ist Sprung Nummer vier gesperrt. Eigentlich unnötig. Kein Jockey würde sein Pferd zur Übung über das monströse Hindernis jagen. Ein Reiter meinte vor dem Start 1992 lapidar: „Vielleicht ist es das letzte, was ich und das Pferd von dieser Welt sehen; da muß sich das schon lohnen.“ (Focus - 1993)
Lohnt es sich, für ein Gewinngeld sein Leben und das des Pferds aufs Spiel zu setzen?...fragt der Focus-Reporter damals einen Besucher des Todesrennen.
„Das Geld ist es nicht“, sagt ein Insider, der anonym bleiben möchte und mit Freunden der Galoppgemeinschaft Bad Harzburg nach Pardubice gekommen ist. „Hier gehen viele Pferde mit, die schon längst auf den Beinen kaputt sind. Die werden fit gespritzt, weil der Besitzer die Chance nutzt, daß bei den vielen Ausfällen auch ein lahmer Gaul mit viel Glück noch platziert ist. Das sind Pferde, die sonst sofort zum Schlachter gehen würden.“
Von den gesunden Pferden, vornehmlich Hengsten, erhoffen sich die Besitzer Zuchterfolge. Hengste, die Pardubice überleben, sind als Zuchttiere gefragt und teuer. „Natürliche Auslese“ nennen das die Veranstalter des „Steeplechase“. (Focus – 1993)
Das Todesrennen in Pardubice gibt es immer noch und weiterhin sterben Pferde aufgrund schwerster Verletzungen… jedes Jahr aufs Neue. Es wird natürlich mittlerweile von „Verbesserungen“ der Bedingungen gesprochen, weil aufgrund des öffentlichen Druckes von Presse, abgesprungenen Sponsoren und Tierschützern der Taxisgraben wie auch andere Hindernisse entschärft werden mussten. Ich persönlich kann nicht sagen, dass mir das auch nur ansatzweise reicht. Dieses System bedient barbarische Sensationsgeilheit und es geht nach wie vor um Gefahr und Verlust, um splitternde Knochen und hohe Einsätze… es ist was es ist: eine pure Grausamkeit gegen todgeweihte Pferde und die komplette Missachtung von Leben und Leiden.
Ob ich auch heute wieder zum Rennen nach Pardubice fahren würde? Es sind eine Menge Jahre vergangen und die Bilder sind immer noch da. Ja, ich würde fahren. Aber nicht ohne das Gefühl, dass wir wieder Pferde elendig sterben sehen würden - ohne auch nur ansatzweise etwas ausrichten zu können. Ich würde mit der gleichen Wut im Bauch hinfahren wie ich dort weggefahren bin…auch wenn fast 20 Jahre zwischen der Wut von damals und der heutigen liegen. Vielleicht keine gute Voraussetzung um dort wohlüberlegt zu handeln.
Mein Ergebnis
Trotz aller Erinnerungen möchte ich dieses Erlebnis nicht missen, denn es war wohl der Startschuss für meine heutige Arbeit. Ich danke den damals beteiligten Tierschützern von animal peace e.V. und Vier Pfoten e.V., die mich dort hinbrachten und diesen üblen Tag bis heute mit mir teilen. Und ich danke dem Focus, der damals offen berichtete und im drauf folgenden Jahr wieder vor Ort war.
Pardubice bleibt mein persönliches Trauma. Ich kann es heute noch hören, das Röcheln eines neben mir sterbenden Pferdes. Ein junges Pferd, dessen Namen ich nicht kannte und nie erfahren habe.
Das Rennen damals & heute (Zusammenfassung aus der Medienwelt)
„Das schwierigste Pferderennen auf dem europäischen Kontinent feiert sein Jubiläum. Am Sonntag 9. Oktober 2011 rennt man schon den 121. Jahrgang von Velká pardubická. Es bietet wieder ein attraktives Wettrennen der besten einheimischen Hindernispferde mit den starken ausländischen Gegnern an.“
„Die Velká Pardubická oder Steeplechase von Pardubice ist ein traditionelles Pferderennen. Das Hindernisrennen gilt als eines der weltweit härtesten Rennen und wird seit 1874 veranstaltet, nunmehr jeweils am 2. Sonntag im Oktober. Der Parcours ist berüchtigt für die Größe der Hindernisse, nur ein geringer Teil der startenden Pferde erreicht überhaupt das Ziel.“
„Am 5. November 1874 wurde der Parcours zum ersten Rennen freigegeben. An den Start gingen 14 Pferde, von denen sechs das Ziel erreichten. Die Gründer des Rennens waren Max Graf Ugart, Emil Prinz Fürstenberg und Oktavian Graf Kinsky.“
„Als mörderisch gilt der Taxisgraben, ein Wassergraben von ursprünglich 5,10 m Breite, der sich hinter einer Hecke von jeweils 1,40 m Höhe und Breite befand. Schon bei der Errichtung dieses Hindernisse wurde von verschiedener Seite seine Beseitigung gefordert, einer seiner stärksten Befürworter war der Fürst von Thurn und Taxis, dessen Namen das Hindernis erhielt. Andere unrühmlichere Bezeichnungen dafür sind das Blutbad, der Pferdeschlachthof oder das Todeshindernis.“
„Seit 1990 wurde das Rennen wegen seiner Härte massiv von Tierschützern kritisiert. In der Folgezeit kam es während des Rennens verstärkt zu Ausschreitungen militanter Tierschützer, denen nunmehr der Zugang zum Gelände verwehrt wird.“ (damit sind wohl wir gemeint)
Location:
Pardubice
Organisation:
Dostihový spolek a.s.
Pražská 607
530 00 Pardubice
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